Archiv der Kategorie 'Johannas kleine Hip Hop Schule'

Johannas kleine Hip Hop Schule Teil 3 – Der Rapper und die große Liebe

Sido sez: „Ich sag: „Ich hab son‘ kribbeln in meinem Bauch!“ Sie sagt, dass sei mein Blinddarm.“ („Nein!“, Ich und meine Maske, 2008, Universal)

Johanna sez:

Rapper sind nicht besonders bekannt dafür, in ihren Songs die romantische Liebe zu thematisieren. Auch das vom Großteil der Hip Hop Künstler gezeichnete Frauenbild lässt nicht unbedingt den Rückschluss zu, dass Rapper mehr als köperliche Zuneigung zu geben haben.

Dennoch kommt auch für jeden noch so harten MC eines Tages der Moment, wo er die Frau seiner Träume trifft. Dann lässt er jegliche Tightness, Roughness und Toughness fahren und wird regelrecht gefühlsduselig. Insbesondere hierzulande entstehen dabei mitunter lyrische Meisterwerke moderner Musikkunst: Blumentopf „Was der Handel?“, Dendemann „Lieblingsmensch“, „3 1/2 Minuten“, Fettes Brot „Viele Weg führn nach Rom“, Massive Töne „Traumreise“, Max Herre „1ste Liebe“, Curse „Hassliebe“, Deichkind „Weit weg“, Afrob „Einfach“ und viele, viele mehr.

Da große Gefühle eigentlich im R’n B beheimatet sind, liegt natürlich in diesem Zusammenhang eine romatische Liaison zwischen emotionaler Jodlerin und hartem Hip Hopper nahe. Und tatsächlich lassen sich hier einige große Paare der Musikgeschichte finden. So liebt Nas seit inzwischen 6 Jahren Kelis, die er 2005 sogar ehelichte. Auch Chef-Rapper und Produzent Jay-Z hält Chef-R’n B-Röhre Beyoncé, trotz Gerüchten er würde sich auch gerne mal unter Rihannas Regenschirm unterstellen, die Treue. Dass aus diesen Partnerschaften auch die ein oder andere musikalische Kooperation hervorgeht, bleibt nicht aus.

Das schönste Paar dieser Art sind sicher Freundekreis-Frontrapper Max Herre und Joy Denalane die 1999 unsere Herzen mit „Mit Dir“ erweichten.

Doch was wenn die Angebete allem Bling-Bling zum trotz den Rapper nicht für den strahlendsten Stern an ihrem Nachthimmel hält? Wie geht der sonst von sich so überzeugte Rapper mit Zurückweisung um? in diesem Fall können sich die amerikanischen Hip Hop Stars noch etwas von ihren deutschen Kollegen abschauen. Denn hier geht Mann mit dem so gar nicht Ego-förderlichen Thema selbstbewusst und selbstironisch um, wie beispielsweise Dynamite Deluxe „Mein Problem (Take it easy)“ oder Sido „Nein!“, der sich bei diesem Track von seiner liebsten Doreen featuren lässt, die so trotz Popstars-Sieg noch zu einer Teilzeit-Musikkarriere kommt.

Aber selbst wenn die Angebetete das Flehen des verzückten Rappers erhört, ist das Glück oft nicht von Dauer. Selbst das Hip Hop Traumpaar Max und Joy, das im Sommer 2007 noch bei der Freundeskreis-Revival-Tour gemeinsam auf der Bühne stand, war damals bereits geschieden. Ist die Liebe am Ende wird die verflossene entweder eindrucksvoll beschimpft, wie z. B. bei Eminem seine Ex-doch Ehe-wieder-Ex-Frau Kim. Andererseits wird der Liebe von einst hinterher getrauert, wie beim Toptrennungssong „Sie ist weg“ der Fantastischen 4.

Doch meist ist der Trennungsschmerz nicht von all zu großer Dauer denn Gott sei dank hat der Rapper ja noch seine Musik, um es mit den Beginnern („Liebeslied“) zu sagen: „Das Ist Liebe auf den ersten Kick,nicht mal Drum ‘n Bass hält jetzt mit deinem Herzen Schritt. Du hast geinen Schatz gefunden, ohne lang zu Buddeln (…) Deine Ohren fühlen sich wie neugeboren jeden Tag und du fragst dich: Kann man auch Tracks heiraten in Dänemark?“

Coming soon: Teil 4 – Der Rapper ist eine Frau

Nachlesen:

Teil 2 – Der Rapper und der liebe Gott

Teil 1- Der Rapper und die Mutter

Johannas kleine Hip Hop Schule Teil 2 – Der Rapper und der liebe Gott

Outkast sez: „God come in. Damn you’re a girl!“ („God“, The Love Below/Speakerboxxx, 2003, Arista/Sony BMG)

Johanna sez:

Wenn ein Rapper mit einem Preis ausgezeichnet wird, wem dankt er dann zuerst? Seiner ihn liebenden und unterstützenden Familie, seinen Fans? Nein, er dankt Gott! Im Gegensatz zu den oben zitierten Outkast haben die meisten amerikanischen Hip Hop Künstler dabei eine recht konservative Vorstellung von Gott, so ist überwiegend die Rede vom „Lord“ oder „Father“ . Ob letzteres darauf zurückzuführen ist, dass es im Gegensatz zur Mutter meist an einer prominenten Vaterfigur mangelt, kann nur gemutmaßt werden.

Die Liste der Hip Hop Tracks, die sich mit dem Thema Gott befassen ist lang, genannt seien beispielsweise Kanye Wests „Jesus Walks“, Talib Kwelis „Hostile Gospel“ und Commons „Geto Heaven“ oder „The Sun God“. Der Schluss, dass hier musikalischer Ablasshandel betrieben wird, um unchristliches Verhalten wieder auszugleichen und so auf dem Sündenkonto wenigsten die groben Verfehlungen abzutragen, liegt nahe. So bemerkt auch 2pac richtig: „Only God can judge me“. Hoffen wir, dass es das Urteil positiv für ihn ausgefallen ist.

Manch ein Rapper geht noch ein bißchen weiter in seiner Gottesfürchtigkeit und ist zeitgleich Rapper und Reverend, wie beispielsweise Reverend Run (Mitbegründer von Run DMC), der inzwischen auf MTV in Run’s House nun nicht mehr nur seiner Familie sondern auch dem Rest dem Welt predigt. Auch MC Hammer ging nachdem er 1997 bankrott war, zu mindest in puncto Seelenheil sicher und predigt mittlerweile sogar im amerikanischen Fernsehen. Raplegende Kurtis Blow studierte Theologie und predigt inzwischen in Harlem in Hip Hop Gottesdiensten: „Gott hat mir die Kraft gegeben, mich von einem Sünder zu einem Christen zu wandeln, wie Saulus zum Paulus. Diese Erfahrung will ich weitergeben.“ (spiegel-online.de)

Doch wie sehen Christen die Präsentaion des Glaubens im amerikanischen Hip Hop? Hier sind die Lager gespalten. Einerseits findet es der Christ wenig gerechtfertigt wenn Lil’ Wayne Gott dankt und trotzdem Zeilen wie “Shawty wanna lic-lic-lic-lick me/Like a lollipop” rapt. Unter hartgesotteneren Gläubigen wird jegliche Verbindung von Hip Hop und Christentum abgelehnt, da Hip Hop von Afrika Bambaata mitbegründet wurde, der zu seiner Zulu Nation predigte. So heisst es „How can we as believers hold on to this culture when it’s rooted in witchcraft and vodoo?“ (Exministries.com)

Andererseits gibt es zahlreiche Christen, die Hip Hop nutzen, um jungen Menschen für den Glauben zu begeistern, wie z. B. in der Crossover Church in Tampa, Florida, wo Hip Hop Gottesdienste abgehalten werden. „I’m not ready to give poetry, creativity and visual expression up to the forces of evil when they can be used for God“ sagt Reverend Efrem Smith, der Hip Hop Gottesdienste in Minneapolis hält und Autor des Buches „The Hip Hop Church“ ist. Unter christianmusic.com findet man Künstler, die als glaubenstechnisch korrekt empfohlen werden. Musikalisch erscheinen diese allerdings zu mindest fragwürdig…

Doch auch hierzulande ist es um die Spiritualität im Hip Hop weit verbreitet. In Hessen wird Rap-Urgestein Moses Pelham ganz nachdenklich während er auf seiner 2006 erschienen Single „Gott liebt mich“ gleich in 12 verschiedenen Remixes folgendes zum besten gibt: „Gott liebt mich, aber er liebt dich auch. Ich frag mich ehrlich gesagt wieso, aber ich krieg’s nicht raus.“

Der Berliner Godsilla rapt auf dem Album „City of God“ trotz Anspielungen im Künstlernamen und Albumtitel, dagegen wenig christliches, besinnt sich dann aber bei „Das Wunder vom Blog“ doch kurz: „Ich danke Gott dass ich hier lebe. Wenn du den Smog nicht gewohnt bist Junge dann zerplatzt dein Schädel.“ Tja, Gott ist eben nicht immer gnädig. Sido dankt Gott auf seinem neuen Album „Ich und meine Maske“: „Das ist kein Schlüssel zum Himmel, ich will nur Danke sagen, dafür, dass Du mir zeigst, ich brauch keine Angst zu haben.“

Im Süden Deutschlands geht es beim Thema Gott etwas reggaebehafteter zu. So rappen Blumentopf gemeinsam mit Clueso: „Jah ist mein Manajah, er macht die Verträge klar. Jah ist mein Manajah, wenn er einverstanden ist, dann unterschreib ich da.“ (Gern geschehen, 2003)

Im hohen Norden betet Jan Delay dagegen zum Flashgott: „Ich weiß, daß es da oben jemand gibt. Kein Plan ob Mensch, ob Tier, ob Frau, ob Typ.“ (Searching for the Jan Soul rebels, 2001) oder beschließt gemeinsam mit Tropf und Denyo als Beginner „God is a music“: „Lieber Herr oder Frau Musik, ich möchte ihnen von Herzen danken, da sie irgendwann, irgendwie einmal das allerderbste erfanden.“ Dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen.

Coming soon: Teil 3 – Der Rapper und die große Liebe

Nachlesen: Teil 1 – Der Rapper und die Mutter

Johannas kleine Hip Hop Schule Teil 1: Der Rapper und die Mutter

Snoop Dogg sez: „Yeah, I love my momma , Through all the drama, I love my momma“ („I love my momma“, Top Dogg, 1999, Priority R/EMI)

Johanna sez:

So gering der Rapper im Allgemeinen die Frauen schätzt so sehr überschlägt er sich, wenn es darum geht die eigene Mutter zu preisen. Besonders ausgeprägt findet sich dieses Phänomen im amerikanischen Hip Hop, wo sich zahlreiche solcher Lied gewordener Huldigungen finden lassen. Prominente Beispiele sind Snoop Dogg („I love my momma“), Jay-Z („Momma loves me“), 2Pac („Dear Mama“) und nicht zu letzte Kanye West („Hey Mama“), dessen Inspiration zu diesem 2005 auf „Late registration“ erschienen Song, seine Mutter Donda West, 2007 tragischerweise nach einer Fettabsaugung verstarb.

Andere Rapper verbindet ein etwas unglücklicheres Verhältnis mit ihrer Mutter. Bestes Beispiel ist hier sicher Eminem, der seiner Erzeugerin Debbie Gibson, gleich in mehreren Songs („Kill you“, „Cleaning out my closet“) und in Interviews Selbstsucht, Vernachlässigung und Drogenabhängigkeit unterstellt. Daraufhin wird er von ihr 1999 auf stolze 10 Millionen $ verklagt. Die Klage wird jedoch fallen gelassen und man einigt sich auf 10.000 $. 2006 kommt es zur Versöhnung, allerdings erst nachdem Debbie unheilbar an Brustkrebs erkrankt ist.

Im deutschen Hip Hop war lange Zeit wenig die Rede von der eigenen Mutter. Vielmehr bezog man sich hier gerne auf die Mütter anderer, denen man im Allgemeinen wenig Respekt entgegen brachte, im Gegenteil: Der Gegenüber wurde dazu aufgefordert Geschlechtsverkehr mit der eigenen Mutter zu haben. Chef-Gangsta-Rapper und Teenie-Star Bushido prägte hier sogar den Begriff des Fick-Deine-Mutter-Slang. Diese Ansage ist allerdings keinesfalls darauf zurückzuführen, dass es sich bei der Mutter des anderen um ein besonders attraktives Exemplar handelt, eine sogenannte MILF („Mother I’d like to fuck“, Dog eat dog). Mit dem Satz „Fick deine Mutter“ möchte, der Rapper oftmals eine unerwünschte Diskussion beenden oder auf provokante Weise darauf hinweisen, dass ihm etwas gleichgültig ist. Hierbei wird dann auch gerne die harmlosere Variante „Deine Mutter“ (siehe beispielsweise auch Deine Mutter Records) verwendet, nachzuhören bei den inzwischen leider verschollenen Hip Hop Urgesteinen Fünf Sterne Deluxe, „Ja, Ja, deine Mudder“.

Doch was ist mit der eigenen Mutter des deutschen Rappers? Der sonst so harte Bushido wird bei diesem Thema zu mindest in Interviews gerne sentimental, denn mit seiner Mutter fühlt er sich seelisch am engsten verbunden. Kein Wunder, sind die beiden doch Nachbarn und lässt Bushido sich noch von Mama bekochen, seine Wäsche waschen und das Bettchen machen. Und auch Schussopfer Massiv lässt sich gerne von seiner Mutter ein Tässchen Tee servieren während er Songs über Hurensöhne, Schlampen, Blut, Messer und Krieg textet.

Doch während die Mütter von Bushido und Massiv die Werke ihrer Söhne einerseits als den letzten Scheiss bezeichnen, andererseits zu mindest sorgenvoll mit dem Kopf schütteln. Bekommt ein anderer deutscher Rapper seit jeher alle Unterstützung von seiner Mutter, die er braucht. Die Rede ist vom Maskenmann Sido, der ihr dafür mit „Mama ist stolz auf mich“ ein Denkmal setzt. Auch sein neues Album „Ich und meine Maske“ hat Sido als erstes seiner Mama vorgelegt. Ihr Urteil: „Sehr gut, sehr erwachsen“. Da können wir ihr (größtenteils zu mindest) nur zustimmen.

Coming soon: Teil 2 – Der Rapper und der liebe Gott


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