Der Tobi& das Bo sez: “Is mir egal, is mir egal. Mir is wiedermal alles scheissegal.” (”Is mir egal”, Genie & Wahnsinn, 1996, Metronome/Universal)
Johanna sez:
Kürzlich kramte ich in einer früher-war-ja-alles- besser-Stimmung in meinem Plattenregal und fand meine alte Tobi & Bo CD. Inspiriert von “Is mir egal” und einem Artikel der Riesenmaschine zu eben jenem Thema, beschloss ich, einen gewagten Selbstversuch zu unternehmen: 24 Stunden Teilnahmslosigkeit – einen Tag lang ist mir alles egal.
6.30 Uhr
Der Wecker zwitschert. Aufstehen ist nicht leicht. Zum Glück bin ich viel zu müde, um mich darüber zu ärgern, wie früh es noch ist. Erstmal duschen und frühstücken. Warum ist denn kein Kaffee mehr da? Bereite mich darauf vor den aufkeimenden Ärger im Keim zu ersticken, doch es tut sich ohnehin nichts. Offenbar schlafen meine Emotionen noch.
7.45 Uhr
Nach einer erfrischenden Runde radeln durch die Hauptstadt, die mich fast wach gemacht hat, erreiche ich meinen Arbeitsplatz. Beim Hochfahren meines Computers, der aus einer Zeit stammt als der Ölpreis noch egal war, ärgere ich mich extrem konzentriert nicht, dass es Jahre zu dauern scheint, wodurch mir die Zeit mindestens dreimal so lang vorkommt wie sonst. Ein Blick in mein elektronisches Postfach verrät mir, dass mein Chef unser 8 Uhr Meeting auf 9 Uhr vertagt hat. Verda….. ich hätte eine Stunde länger schlafen können.
Ach egal, habe ich wenigstens Zeit, um mir erstmal einen Kaffee beim Franzosen an der Ecke zu besorgen. Draußen scheint die Sonne. Inzwischen ist es schon fast warm. Die Kaffee-Französin ist heute mal richtig guter Dinge. Im Hintergrund läuft sommerleichte Chanson-Musik. Ich bekomme eine extra-große Portion Schoko-Pulver auf meinen Latte macchiato. Mmmmhhh! Muss mir das jetzt eigentlich auch egal sein? Wie ist das eigentlich mit guter Laune? Ist die erlaubt? Ich habe vorher recherchiert. Der Duden hat folgende Synoyme zu Gleichgültigkeit auf Lager: “Achtlosigkeit, Unbeteiligtheit, Interesselosigkeit, Teilnahmslosigkeit, Unachtsamkeit, Ungerührtheit, Uninteressiertheit, Apathie, Desinteresse, Indifferenz, Indolenz. Beschließe, dass gute Laune damit auch nicht möglich ist, wenn ich das konsequent durchziehen will.
9.00 Uhr
Mein Chef redet heute besonders viel. Offenbar stehen unglaublich viele neue Projekte an. Während er meine Lebenszeit verplant, singe ich innerlich mein Tages-Mantra “Is mir egal. Is mir egal. Mir ist wiedermal alles scheissegal.” Gehe ungewöhnlich gelassen aus dem Meeting. Normalerweise ist der Tag für mich an dieser Stelle meist schon gelaufen. Gar nicht schlecht das mit der Teilnahmslosigkeit.
16.45 Uhr
Der Tag verging dank Unmengen seit Wochen aufgeschobenem Papierkriegs nicht gerade im Flug, aber immerhin emotionslos. Bin nur einmal kurz ins Schwanken geraten, als mir aufgefallen ist, dass ich einen Fehler gemacht und diesen copy/paste sei dank in etwa 30 Protokolle übernommen habe. Aber egal, bin ja trotzdem rechtzeitig fertig geworden, d. h. ich kann jetzt noch kurz privat surfen. Bei D-Motivator.com finde
ich Mir-doch-egal-Aufkleber-Vorlagen. Überlege mir sowas anzupinnen, ist mir dann aber zu viel Aufwand. Langsam befinde ich mich in einem Trance-ähnlichen Zustand. Mache einfach mal Feierabend ohne mich von irgendjemandem zu verabschieden. Ist ja auch egal. Zum Sport gehe ich heute nicht. Dann werd ich eben dick, herzkrank und schwabbelig, na und?
19:30 Uhr
Der Liebste kommt vom Sport (immerhin einer hält sich noch fit) nach Hause und meckert mich an, weil ich
vergessen habe wie verabredet die Geschirrspülmaschine auszuräumen und stattdessen schon wieder nur im Internet rumdaddel. Ich gucke ihn nur ungerührt an und zucke mit den Schultern. In seinem Gesicht sehe ich kurz, dass er mir jetzt gerne etwas schlimmes antun würde. Vielleicht hätte ich ihm vorher von meinem Projekt erzählen sollen.
20:30 Uhr
Da ich sagte, es sei mir egal, was wir heute machen, sitzen wir jetzt vor dem TV und gucken “Helden in Strumpfhosen”, was ich normalerweise total doof fände. Inzwischen ist allerdings nichts mehr in meinem Gefühlsleben normal. Ich warte darauf, dass mir der Unterkiefer runterklappt und ich apathisch anfange zu sabbern, aber es passiert , wie so oft heute, nichts. Immerhin hat es ihn besänftigt, dass er das Abendprogramm bestimmen durfte, was ich als positiven Nebeneffekt meines allgemeinen Desinteresses werte. Aus dem Augenwinkel beobachte ich den Liebsten, wie er über aber auch wirklich jeden noch so dummen Witz vor sich hinkichert. Dabei sieht er so niedlich männlich aus, dass ich ihn auf der Stelle aufessen könnte. Wie ist das eigentlich mit Liebe, Lust und Leidenschaft, wenn einem alles einerlei ist? Ich schätze auch das ist nicht erlaubt.
23.30 Uhr
Ich wälze mich im Bett hin und her. An Einschlafen ist nicht im Entferntesten zu denken. Tausend unverbrauchte Emotionen rumoren in meinem Kopf. Irgendwie habe ich auch Bauchschmerzen. Ob ich ein Magengeschwür vom Gleichgültigkeits-Stress habe?
7:00 Uhr
24 Stunden sind geschafft. Wache gerädert auf und freue mich erstmal richtig, dass ich heute eine halbe Stunde länger schlafen konnte. Danach ärgere ich mich besonders darüber, dass wir immernoch keinen Kaffee im Hause haben. Puh, tut das gut!
Fazit
Konsequente Gleichgültigkeit hat ab und an ihre Vorteile, ist aber ohne Drogen auf Dauer nur etwas für ganz Hartgesottene.

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